2. Weihnachtsonntag A (2026)
Weihnachten ist vorbei – der Alltag hat uns wieder!
Weihnachten ist schon über eine Woche vorbei - der Alltag hat uns wieder. Was ist geblieben von den Festtagen?
Die Liturgie richtet – in den Bibeltexten wie in den Gebeten – unseren Blick auf den Kerngedanken des Weihnachtsgeschehens: Gott verbindet sich mit dem Menschen, und zwar für immer. Der Himmel ist auf die Erde gekommen. Gott hat den Menschen „ewigkeitsfähig“ gemacht.
Fernab von aller Krippenidylle und Weihnachtsromantik geht es um eine „Bilanz“ und die Folgen des Weihnachtsgeschehens: Der Mensch ist von Gott erwählt bereits vor der Erschaffung der Welt, und er ist dazu bestimmt zur großen Lebensgemeinschaft mit Gott zu gehören, sein Sohn, seine Tochter zu werden. Gott und Mensch sind jetzt untrennbar verbunden. Eine größere Würde und Wertigkeit kann der Mensch nicht haben.
Weihnachten ist so etwas wie ein „Wohnortwechsel“ Gottes: Gott ist jetzt nicht mehr nur im Himmel zuhause, sondern vor allem hier auf der Erde. Jesus Christus, das Kind von Betlehem, ist „wahrer Gott und wahrer Mensch“ – beides.
Mit einem „Gott im Himmel“ können sich die meisten Menschen arrangieren – der ist ja weit weg! Jedoch Gottes Spuren hier auf Erden, im Alltag, in den zwischenmenschlichen Beziehungen, ja im allzu Menschlichen zu entdecken, das ist gar nicht so einfach. Aber genau da wird Weihnachten konkret. Der Evangelist Johannes drückt es in seinem „Weihnachtevangelium“ so aus: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“ (Joh 1,11-12). Darum geht es: ihn aufnehmen, ihn entdecken, ihn wahrnehmen – hier auf Erden!
Etwas ähnliches sagt Apostel Paulus in der zweiten Lesung: Gott „hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch die Gemeinschaft mit Christus im Himmel“. Und: „Gott hat uns aus Liebe im Voraus bestimmt, seine Söhne und Töchter zu werden“. Das Weihnachtsgeschenk, das Gott uns macht, kann nicht groß genug gedacht werden: Wir sind mit „allem“ Segen gesegnet, nicht nur mit „etwas“ Segen. Und wir gehören für immer zu „Gottes Familie“, als seine Söhne und Töchter. In der Gleichnis Erzählung vom barmherzigen Vater wird Jesus später deutlich machen, was das bedeutet und welche Chance für uns darin liegt: Der Mensch „war tot und lebt wieder, er war verloren und ist wiedergefunden worden“ (vgl. Lk 15,11-32).
Im Evangelium versucht der Evangelist Johannes das Weihnachtsgeschehen zu umschreiben und gleichsam Bilanz zu ziehen. Er schreibt: Am Anfang von allem steht das Wort Gottes. So ist es auch nachzulesen in den Schöpfungserzählungen auf den ersten Seiten der Bibel. Alles Lebendige, Mensch und Natur, auch der ganze Kosmos, sind nur deshalb entstanden, weil Gott es wollte. Das ist natürlich keine naturwissenschaftliche Erklärung über die Entstehung der Welt. Leider wird es immer wieder so missverstanden. Die Schöpfungserzählungen wollen etwas über das Wesen des Menschen aussagen. Der Mensch ist nicht ein blinder Zufall der Natur. Er ist aus Gott hervorgegangen. Er entstammt aus Gottes Licht, er ist aus unendlicher Liebe entstanden. Das macht den Menschen aus und das ist auch seine Bestimmung. Er soll diese göttliche Herkunft erkennen und zu ihr zurückkehren. Der Johannesprolog (so wird das erste Kapitel im Johannesevangelium genannt) greift diese Bestimmung des Menschen aus den Schöpfungserzählungen auf. Jesus ist Mensch geworden, damit die Menschen ihre göttliche Herkunft erkennen. Er hat vorgelebt, wie der Mensch von Gott her sein soll. Damit Menschen wieder zu ihrer wahren Menschlichkeit zurückfinden.
Am Ende von Überlegungen Johannes steht die dankbare Feststellung: „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade.“
Es ist, wie wenn ein Kind mit strahlenden Augen sagt: „Schau mal, was ich alles am Heiligabend geschenkt bekommen habe – so schöne Dinge!“
Weiß ich als Erwachsener dieses Geschenk „Gnade über Gnade“ zu schätzen? Ein Geschenk, das so groß ist, dass ich es rational weder einordnen noch bewerten kann?
Viele verbinden mit der Weihnachtszeit die Erinnerung an glückliche Kinderjahre und strahlende Kinderaugen. Das hat sicherlich nicht primär mit dem Festgeheimnis zu tun, sondern eher mit der Sehnsucht nach einer „heilen Welt“. Aber dieser Blick auf die strahlenden Kinderaugen kann mich daran erinnern: Nur in den offenen, einfachen Haltung eines Kindes werde ich etwas vom Weihnachtsgeschenk erahnen, in der Haltung des dankbaren Sich-beschenken-Lassens, in der Haltung des Staunens und Bewunderns.
Erwachsene wollen gerne alles rational erklären und verstehen. Aber wie will mein Verstand begreifen, was mir durch die Menschwerdung Gottes geschenkt wird: „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade“? Ich kann nicht begreifen, ich kann nur staunen, danken und – anbeten!
Dr. Jerzy Grześkowiak